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  • Dr.in Katrin Hofer

Träume in der Schwangerschaft. Die Bedeutung der Schwangerschaft für die Frau.

„Nur wenn die Mutter ihr Baby für einzigartig genug hält und ihm zutraut, ihre bewussten und unbewussten Wünsche zu erfüllen, ist sie in der Lage, ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse nach der Geburt zeitweise zu missachten, denn diese Wünsche sind nun auf das Baby verschoben.“ (Brazelton und Cramer 1991 zit. n. Schleske 2008, 22)




Die Schwangerschaft wie auch die Mutterschaft wurden bis heute wenig bis kaum unter dem Aspekt der inneren Wahrnehmung für die Frau beleuchtet.

Da die Mutter in der Zeit während der Schwangerschaft großen Veränderungen in ihrem körperlichen und psychischen Empfinden unterliegt, ist es von großer Wichtigkeit der Schwangerschaft mehr Augenmerk zu schenken. Aus diesem Grund führte ich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit eine Studie über Träume von Schwangeren durch. Die Träume der Schwangeren dienen als Hilfsmittel, um zu den unbewussten Konflikten, Wünschen, Ängsten und Bedürfnissen in der Zeit der Schwangerschaft zu gelangen. Im vorliegenden Artikel werde ich nur kurz auf meine durchgeführte Studie eingehen und das Hauptaugenmerk auf die Bedeutung der Schwangerschaft für die Frau setzten.

In dieser sehr bedeutenden Veränderung für die Frau treten Phantasien über das ungeborene Kind auf und werden häufig schnell wieder verdrängt, da sie Angst auslösen. Ebenfalls werden auftretende Wünsche, die in Verbindung mit dem ungeborenen Baby stehen, wieder verdrängt, da diese auch Ängste der Unwissenheit hervorrufen können. In dieser Zeit verschieben sich die Bedürfnisse der Mutter auf das Baby.

So kommt es, dass bei vielen Frauen in der Zeit der Schwangerschaft während des Schlafes vermehrt Träume auftreten. Im Traum zeigen sich die verdrängten Wünsche und Ängste, die im Wachleben unbewusst bleiben. Jörg Baltzer (vgl. 2008, 77), ein deutscher Gynäkologe, schreibt hierzu, dass während der Schwangerschaft vermehrt Alpträume auftreten, die hauptsächlich die Verantwortung der Frau gegenüber dem Partner und dem Kind widerspiegeln. Er ist auch der Meinung, dass jede Schwangerschaft, sei sie auch noch so ersehnt, niemals frei von Konflikten ist; diese Konflikte spiegeln sich im Traum wider.

Träume während der Schwangerschaft sind reichhaltig belebt und zeigen sich sehr realistisch. Für die schwangere Träumerin wirkt dies oft so, als würde die innere Realität des Traumes die äußere Realität überlappen. Die Träume reflektieren zwei Arten von Geheimnissen, die der ursprünglichen, erlebten Welt der Schwangerschaft und der individuellen Phantasien und Ängste der inneren und äußeren Wahrnehmung. Themen, die in Träumen von schwangeren Frauen auftreten, beinhalten früheste Erfahrungen der Frauen. Es handelt sich um die Veränderungen des Körpers, die Geburt und mütterliche Ängste, intensive Liebe-Hass-Beziehungen und Angst vor dem Tod. Obwohl es große psychische Unterschiede zwischen werdenden Müttern gibt, kann man festhalten, dass sie beunruhigt darüber sind, wie die Zeit für sich selbst ohne dem Kind aussehen wird und wie es sich anfühlt, wenn das Baby getrennt von ihrem Körper sein wird. Die Frauen fühlen sich oft unvorbereitet auf die Trennung des Babys von ihrem Körper und sehen ihren Körper oftmals als Behälter für das Baby (vgl. Raphael-Leff 2001, 30-31). Wenn man die Hauptthemen zusammenfasst auf die Raphael-Leff Bezug nimmt kann man festhalten, dass gegensätzliche Themen, die die menschliche Existenz zeigen vorkommen. Wie etwa Geburt und Tod, Ordnung und Chaos, Innen und Außen. Oftmals träumt die Schwangere davon, dass ihr Partner oder ihre Mutter statt ihr schwanger wären, dies kommt daher, dass die werdende Mutter ihre Schwangerschaft nicht teilen kann und dies somit im Traum hervor kommt. Paare und Dreiergruppen, Szenen vom ein- oder ausgeschlossen sein oder Neidgefühle sind häufige Bestandteile der erinnerten Träume. Das Baby wird zu Beginn der Schwangerschaft oft in tierischer Form dargestellt, gegen Ende der Schwangerschaft meist in menschlicher Form. Der Geburtsvorgang kommt häufig vor, es handelt sich hier auch oftmals um die schwangere Frau, die einen lebenswichtigen Aspekt ihres Selbst gebärt (vgl. Raphael-Leff 2001, 31-34).

Weiters spiegeln sich Themen des „Selbst-Verlusts“, der „Versagens-Angst“, der „Mutter als Bedrohung“ aber auch positiv besetze Themen wie „Bereicherung des Selbst“ wider (vgl. Hofer 2015, 118-166).

Solche Träume rufen oft Ängste in den werdenden Müttern hervor, sodass sie den Rückhalt innerhalb ihrer Familie suchen. In vielen Fällen haben Träume die beharrliche Aufgabe, eine Botschaft von ihrem Innersten weiterzugeben. Einige emotionale Informationen sollen in die Gegenwart getragen werden oder sie treten vermehrt in fortlaufenden Träumen auf (vgl. Raphael-Leff 2001, 34).


Die Bedeutung der Schwangerschaft ist individuell und gesellschaftlich gesehen von verschiedenen Aspekten geprägt. Im Individuum werden biologische Prozesse einer Veränderung unterzogen, ein Ausdruck des Wachstums und der Vermehrung. Die persönliche Identität der Frau wird durch die Schwangerschaft bestärkt. Die Mutterschaft stellt auch das Überleben der Gesellschaft dar, sie unterliegt einer hohen gesellschaftlichen Besetzung. Gerade in der Schwangerschaft wird der Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft deutlich und stellt einen Konflikt für die werdende Mutter dar. Gerhard Rottmann (vgl. 1974, 85) ist der Auffassung, dass die emotionale Haltung der Frau gegenüber ihrer Schwangerschaft einen besonderen Stellenwert für die Entwicklung des Kindes hat.


Die Schwangerschaft und Mutterschaft kann anfangs, wie die Adoleszenz, als Krise gesehen werden, da große Veränderungen des Individuums eintreten. Wie diese soziale Krise überwunden wird, hängt letzten Endes von der individuellen Leistung der Frau ab.


„Der an sich so selbstverständliche und primitive Akt der Mutterschaft birgt eine Welt von Ereignissen in sich: physiologische Vorgänge, die der direkten Beobachtung zugänglich sind; biologische Gesetze der Vererbung und der Anpassung; Zweckmässigkeiten und scheinbare Sinnlosigkeiten; Historisches und Individuell-Seelisches.“ (Deutsch, 1954, 17)


Das Leben der Frau wird durch ein Kind grundlegend verändert. Zu Beginn empfindet die Schwangere es womöglich als störend, ein Kind zu erwarten, da sie ihr „eigenes“ Leben unterbrechen muss. Mit der Zeit bemerkt sie, dass sich ihr Interesse von „außen“ nach „innen“ wendet und sich nun der Mittelpunkt der Welt in ihrem eigenen Körper befindet. Dieses kleine Kind wird einem selbst gehören und auch man selbst wird dem Kind gehören (vgl. Winnicott 1969, 15)

Marie Langer (vgl. 1988, 38) schreibt, dass sich die Ziele im Leben einer Frau beträchtlich geändert haben. Der Wunsch, Mutter zu werden, ist kein selbstverständlicher mehr, denn in unserer Gesellschaft wird das „Mutter-sein“ oft als ökonomische und soziale Erschwerung angesehen. Das Idealbild der Mutterschaft, nachdem früher noch jede Frau gestrebt hat, wird heute durch andere Ideale ersetzt. Es ist nicht so, dass sich die Frau zwischen Beruf und Mutterschaft entscheiden muss, jedoch stellt sie diese Frage vor ein praktisches Problem. Der Konflikt, der sich daraus ergibt, eine umsorgende Mutter zu sein und noch genügend Zeit für den Beruf, die Karriere zu haben, ist schwer zu bewältigen. Die Frau ist auf Hilfe von außen angewiesen, wenn sie den Anforderungen gerecht werden möchte. Ebenso müssen die Erwartungshaltungen der Frau und auch der Familie um sie gedämpft werden, da ihr sonst Überforderung droht. Nur so ist es möglich, dem Kind eine Grundsicherheit mitzugeben, die es in dieser unsicheren Welt braucht.

Helene Deutsch (vgl. 1954 109-114) spricht von einem psychologischen und einem biologischen Prozess, die beide in die Schwangerschaft mit einwirken. Im biologischen Prozess wird der Fötus als Eindringling in den mütterlichen Körper gesehen. Solange die psychologische Seite keine ausreichend positive Besetzung hat, handelt es sich um ein masochistisch-liebendes Geben. Für die Weiblichkeit ist die Bereitwilligkeit zur gefühlsmäßig positiven Identifizierung und zum masochistischen Geben charakteristisch. Wenn die positive Beziehung zum erwarteten Kind das Seelenleben der Frau erfüllt, verlieren die biologischen und physischen Prozesse ihre abnorme psychische Besetzung. Während der Schwangerschaft tritt eine „Wendung nach innen“ ein, in der die Schwangere introvertierter wird und ihr Interesse an der Außenwelt abnimmt. Das von außen abgezogene Interesse wendet sich dem mütterlichen Ich zu, das das Kind bis zur Geburt im Seelenleben der Schwangeren als Phantasieprodukt ansieht. Da das Kind noch nicht real sichtbar ist und nur in der Phantasie der Mutter besteht, handelt es sich im Vorstadium der effektiven Mutterschaft um ein fast traumhaftes Erlebnis. Die zukünftige Realität wird bis jetzt weder biologisch noch psychologisch als Selbstständigkeit betrachtet; das Kind ist ein Teil des mütterlichen Selbst. Biologisch gesehen ist aus der Mutter und dem Kind eine Einheit entstanden, dasselbe gilt für das Psychologische. Findet eine zärtliche Identifizierung mit dem Kind statt und wird es als Teil von sich selbst empfunden, verwandelt sich der Eindringling in ein geliebtes Wesen. In dieser Einheit ist die Erfüllung der ewigen Sehnsucht der Menschheit zu verstehen, welche Ausdruck des tief vergrabenen Urstrebens ist. Nämlich jenen Zustand, der die Wiederholung des Menschheitstraumes im Mutterleib wieder erreicht (vgl. Deutsch 1954, 109-114).


Es ist sehr wichtig, ob das Kind positiv besetzt ist und so als ein geliebtes, erwartetes Objekt angesehen wird oder jedoch als unfreiwillige Bürde, der sich noch keine mütterlichen Gefühle gegenübergestellt haben. Der narzisstische Zustand während der Schwangerschaft, in dem die Mutter nicht zwischen Ich und Du unterscheidet, ist eine der mächtigsten Quellen der Mutterschaft. Ein harmonischer Verlauf der Schwangerschaft hängt auch von den Umwelteinflüssen ab, zu denen die partnerschaftliche Situation zählt. Vor allem psychischer Reife- und Gesundheitszustand sind notwendig, um störende Gefühle der Außenwelt abzuschirmen, um in seiner Gefühlswelt stabil bleiben zu können. Die Frau muss darauf achten, dass sie das Kind während der Schwangerschaft zum Objekt macht, da sonst die Trennung bei der Geburt, als ein zerstörender Verlust erlebt werden kann. Während der Schwangerschaft, bilden sich in der Psyche der Frau bereits Schutzmechanismen, die auf die Objektbedeutung des Kindes hinweisen. Sie zeigt sich in der Zuwendung zur Realität, indem die Frau ein nestbildendes Verhalten zulässt. Dies kann man auch unter „Mutterinstinkt“ verstehen, indem der Wunsch besteht, dem Kind eine schützende Umgebung zu bieten. Jede Frau entwickelt die Aktivität, für das erwartete Kind, symbolische Produkte anzusammeln, sei es ein neues Haus oder ein selbst gestricktes Jäckchen. Es hängt von der psychischen Gesamtsituation ab, ob diese Aktivitäten mit Freude vollzogen werden oder durch tiefe Trennungsgefühle gekennzeichnet sind (vgl. Deutsch 1954, 124-125).

Im Übrigen ist die Zeit der Schwangerschaft und der anfänglichen Mutterschaft eine Herausforderung für die partnerschaftliche Beziehung. Wenn in einer Beziehung ein Ereignis vorliegt, das den Ist-Status verändern soll und das Gleichgewicht stört, stellen sich im Allgemeinen Spannungen in der dyadischen Beziehung ein. In solchen Spannungen ist es gut, einen „Moment der Begegnung“ in die Beziehung zu bringen, wie ihn Nadia Bruschweiler-Stern nennt. In solchen Momenten kann man das Gleichgewicht der Partnerschaft wiederherstellen, um der Gefahr, zu flüchten, zu entkommen. Die Geburt ist eine Zeit der Krise, in der sich partnerschaftliche Spannungen aufbauen, während sich zwischen Mutter und Kind eine fortlaufend stärkere Vertrautheit aufbaut. Da die Schwangerschaft nun im Zentrum der Beziehung steht, ist es für das Paar wichtig, sogenannte „Momente der Begegnung“ zu finden und sich auf diese einzulassen (vgl. Bruschweiler-Stern 2008, 219).

Joan Raphael-Leff beschreibt die Schwangerschaft als Anfang einer bizarren Geschichte. In der Schwangerschaft befinden sich zwei Körper unter einer Haut. Die werdende Mutter erlaubt dem fremden Wesen, in ihrem Körper ausgetragen zu werden. Jede Mutter hat ihre persönlichen Gefühle, Hoffnungen, Erinnerungen und machtvolle unbewusste Mythologien in Bezug auf ihr ungeborenes Kind. Von der werdenden Mutter aus gesehen, ist jemand anderes in ihren Körper eingezogen.


Nichtsdestotrotz ist die Schwangerschaft eine essentielle Erfahrung für die Frau. Physisch kann man sagen, dass ein Baby in den Körper der Mutter eindringt; der Körper wird sich verändern. Psychisch dringt das Baby auch in die Seele der Mutter ein, in ihre unbewusste innere Welt, beeinflusst ihre psychische Realität. Generell ist die Schwangerschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie für die Frau eine großartige Bestätigung ihrer Fruchtbarkeit darstellt und somit ihr Vertrauen in die weiteren Veränderungen stärkt (vgl. Raphael-Leff 2001, 8-15).


Quellen:

Baltzer J. (2008). Ängste und Albträume bei Schwangeren mit unklaren Befunden. In: D. Korczak (Hrsg.), Die Macht der Träume. Antworten aus Philosophie, Psychoanalyse, Kultursoziologie und Medizin. Kröning: Asanger Verlag GmbH, S. 77 – 91.

Bruschweiler-Stern N. (2008). Momente der Begegnung und die Entwicklung der Eltern-Kind-Bindung. In: K.H. Brisch & T. Hellbrügge (Hrsg.), Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung. S. 219 – 227.

Deutsch H. (1954). Psychologie der Frau. 2. Bank. Bern: Verlag Hans Huber.

Hofer K. (2015). Wünsche und Ängste in Träumen von Schwangeren. Versuch einer psychoanalytischen Interpretation. Abschlussarbeit. Wien: Sigmund Freud Privatuniversität.

Langer M. (1988). Mutterschaft und Sexus. Körper und Psyche der Frau. Bonn: VGBild-Kunst.

Raphael-Leff J. (2001). Pregnancy. The Inside Story. London & New York: Karnac Books.

Rottman G. (1974). Untersuchungen über Einstellungen zur Schwangerschaft und zur fötalen Entwicklung. In: G.H. Graber (Hrsg.), Pränatale Psychologie. Die Erforschung vorgeburtlicher Wahrnehmungen und Empfindungen. S. 68 – 88. München: Kindler Verlag GmbH.

Schleske G. (2008). Schwangerschaft


sphantasien von Müttern und ihre psychoanalytische Bedeutung für die frühe Mutter-Kind-Beziehung. In: K.H. Brisch & T. Hellbrügge (Hrsg.), Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung S. 13 – 35. Stuttgart: Klett-Cotta.

Winnicott D. W. (1969). Kind, Familie und Umwelt. München: Ernst Reinhardt Verlag.


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